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Anapurna - Blues

Verdammt  und ich dachte, genügend aufmerksam gewesen  zu sein.   Und nun ist es doch passiert. Immer dicker und undurchdringlicher war die Nebelmauer geworden. Ich weiß, jeder Ratgeber für solche Situationen warnt vor einem Weitergehen. Auch mein Freund, Alex, wollte abwarten. Mir schien die Situation nicht so undurchdringlich, wie sie sich jetzt darstellt. Ehrlich gesagt hatte ich auch nicht die geringste Lust zu warten. Worauf auch? Das Wetter war schon die ganzen Tage zuvor naß und diesig. Da steht man auf fast 4000 m Höhe im Anapurna - Massiv und was bekommt man zu sehen: Nebel, ringsherum nichts als Nebel.Anapurna NepalIn eine gigantische Wolke eingehüllt, die nur für wenige Augenblicke die majestätischen Bergriesen erblicken läßt, ist es fast dasselbe Gefühl wie in heimischen Gefilden an einem ganz normalen Novembertag. Doch wir schreiben Mitte Mai und wie zu erfahren ist setzt die diesjährige Regenzeit eigentlich um Wochen verfrüht ein. Unser Glück mit dem Wetter. Trotzdem, ein paar lichte Momente, in denen die Sonne sämtliche aus dem Kessel aufsteigende Feuchtigkeitsschwaden durchbrach, gab es nun glücklicherweise doch und dann war die Kulisse wirklich genial. Mir fällt kein anderer Superlativ ein, der nicht schon ausreichend in diesem Zusammenhang strapaziert worden wäre. Ringsherum die nocheinmal beinahe 4000 m aufsteigenden Gebirgsketten, deren schneebedeckte Gipfel in Anapurna Nepalgleißendem Sonnenlicht glitzern, lassen einem vor Ehrfurcht staunen und die alltäglichen Sorgen der Niederungen wenigstens für den Augenblick vergessen. Genügend Entschädigung für die tagelangen Strapazen auf dem immer steiler werdenden Anstieg bis zum Anapurna - Basecamp. Gehörigen Respekt für die Leistung der Bergsteiger, welche von hier aus erst  den eigentlich schwierigen Teil des Aufstiegs beginnen, und noch einmal die gleiche Anzahl Höhenmeter zurücklegen müssen. Mit immer dünner werdender Luft und erhöhten Kletterstrapazen. Doch dafür habe ich im Moment eigentlich wenig  Sinn. Eingeklemmt in eine V-förmig aufragende Felsnase, versuche ich mich langsam zu orientieren. Ausser ein paar schmerzenden Hautabschürfungen an Bein und Rücken scheint ansonsten alles heil zu sein an mir. Irgendwie habe ich ja wohl wieder gewaltigen Dusel gehabt. Es läßt sich zwar nicht erkennen wie tief herunter diese Gletscherspalte hier reicht, aber vielleicht auch besser, wenn man nicht so genau Bescheid weiß.

"Blödmann, wo bist Du!"   Anapurna Nepal

Immerhin mein Begleiter hat mein Verschwinden bemerkt und scheint sich aufrichtig Sorgen zu machen. Jedenfalls verrät sein Tonfall mehr davon, als seine eher rauhe Ausdrucksweise preisgeben will.

"Hier, wahrscheinlich rechts von Dir. Ich hoffe Du weist wo rechts liegt. Aber sei vorsichtig, hier ist eine Gletscherspalte!"

"Du bist doch nicht etwa...?" Ja, klar.. Als wenn ich es nicht geahnt hätte..Aber der Herr weiß ja alles besser..Und jetzt..."

Ich finde sein Lachen klingt nach einem besserwisserischen Ziegenbock.

"Und jetzt...?"

"Das hast Du schon mal gesagt. Soll ich mir jetzt stundenlang Deine stumpfsinnigen Wiederholungen anhören."

"Ach, ja . Ich bin also stumpsinnig . Nicht stumpfsinnig genug um in die erstbeste Gletscherspalte zu stolpern, scheint mir."

"Sei nicht so verdammt selbstgerecht."

"Bin ich gar nicht. Aber ich muß zugeben, es macht einiges Vergnügen den Herrn 'Alleskönner' derart eingeklemmt zu finden."


Briefe aus Indien... Reisebriefe von Reinhard Murczak


Anapurna Blues ..2

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